Was macht im Leistungssport wirklich den Unterschied zwischen „good“ und „great“? Richtig, die mentale Stärke! Man kann den Körper noch so viel trainieren – wenn der Kopf im entscheidenden Moment nicht mitmacht, ist es schwierig, eine Top-Leistung abzurufen. Eine Person, die sich bestens damit auskennt und uns freundlicherweise Rede und Antwort gestanden hat, ist Tanja Ney, ausgebildete Team- und Mentaltrainerin und Coach. Wenn sie nicht an Land ist, arbeitet sie auf einem Kreuzfahrtschiff im Bereich Human Resources als Training-Managerin und entwickelt internationale Crews und Führungskräfte weiter.
Mit welchen Fragen und oder Problemen kommen die Sportler:innen am häufigsten zu dir?
Das lässt sich gar nicht allgemein sagen. Die Gründe sind wirklich sehr vielfältig und können sich auch je nach Sportart unterschieden. In der Regel geht es darum, dass jemand ein Tief hat, nicht mehr performt oder sich selbst unter Druck setzt. Oder dass bestimmte, wichtige Competitions anstehen und man sich dafür bestmöglich vorbereiten will. Dann gibt es im Ausdauersport ein paar klassische Themen, etwa jemanden, der sagt: „Bei Kilometer XY kommt immer der Mann mit dem Hammer.“ Oder ab und zu sind es auch ganz andere, individuelle Themen: Bei mir war z.B. mal ein Triathlet, der plötzlich Angst im Wasser hatte. Aber ich glaube, der Hauptwunsch ist eigentlich zu performen – und das muss per se ja gar nicht problematisch sein – und da ist es immer nützlich, einen Mentalcoach an der Seite zu haben.
Gibt es Unterschiede zwischen den mentalen Belastungen in den verschiedenen Sportarten?
Ja, gibt es. Da sind erst einmal die Sportarten, bei denen ich fokussiert sein muss, z.B. im Schießsport, oder auch bei Darts oder Billard. Dagegen ist ein Ultra-Cycling-Event eine ganz andere Geschichte. Da muss ich mich natürlich auch konzentrieren, aber es geht beispielsweise eher um die Ausdauer, wie auch beim Marathon. Und dann gibt es die Sportarten, bei denen ich nur wenige Sekunden habe, um zu performen, etwa bei Leichtathletik. Ein Beispiel: Wenn ich mich jahrelang vorbereitet habe und jetzt zu Olympia fliege, um dann als Sprinter:in einen ganz kurzen 100-Meter-Lauf zu machen, muss ich wirklich auf den Punkt leisten. Da ist auch die mentale Belastung eine andere, wobei ich nie sagen würde, dass die eine schwächer oder stärker ist als die andere - einfach nur anders.
Wie lange dauert es normalerweise, bis jemandem geholfen ist?
Ich würde sagen, das ist ein andauernder Prozess, weil ich nicht therapeutisch arbeite, sondern als Coach und Trainerin, das heißt begleitend und auch über die Situation hinaus. Mental-Coaching ist immer ergänzend zum fachsportlichen Training gedacht. Und deswegen würde ich jetzt gar nicht sagen, dass da irgendwann der Punkt ist, an dem man sagt: „So, das Problem ist gelöst.“ Natürlich kann es sein, dass sich jemand nur konkret im Zusammenhang mit einem Wettkampf eine:n Coach:in nimmt und danach ist das abgeschlossen. Aber ansonsten ist es eigentlich im besten Fall ein andauernder Prozess. Klar, wenn wir noch einmal zum Beispiel des Triathleten zurückgehen, der plötzlich nicht mehr schwimmen möchte – da kann man natürlich sehr konkret arbeiten und den Erfolg dann auch überprüfen, eben wenn das Schwimmen irgendwann wieder möglich ist.
Welche Methoden kommen dabei zum Einsatz?
Ganz verschiedene; es kommt auf die Problemstellung an. Wir arbeiten mit Entspannungsmethoden, Aktivierungsmethoden, mit Konzentrationsmethoden. Es geht aber auch ganz viel um praktische Dinge wie Routinen oder Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wettkampfvorbereitung ist eines meiner Lieblingsthemen, weil ich der Meinung bin, dass da immer noch sehr, sehr viel falsch gemacht wird oder noch sehr viel Luft nach oben ist, gerade auch, wenn Sportler:innen zu ihrem Event reisen müssen. Was vielleicht gut ist zu wissen: Anders, als Viele beim Wort „mental“ denken, ist das alles kein Hokuspokus. Es geht hier um Methoden, die wissenschaftlich, etwa durch die Sportpsychologie, belegt sind. Da gibt es wirklich genügend Studien und Fakten, die z. B. zeigen, dass eine fokussierte Atmung auch dazu führt, dass das Nervensystem sich herunterfährt und so weiter. Abgesehen davon hängt die passende Methode auch von der Persönlichkeit des Sportlers/der Sportlerin ab. Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit der Person herauszufinden, was das Richtige ist. Das funktioniert so: Ich biete etwas an, wir probieren es aus, dann haben wir ein Coaching-Gespräch. Passt der Ansatz, können wir ihn ausbauen; passt er nicht, versuchen wir etwas Anderes. Und dann gibt es in der Regel am Ende einen guten Mix aus verschiedenen Methoden, die der Sportler dann im besten Fall auch eigenständig anwenden kann. Also, ich versuche schon, mich überflüssig zu machen, im Sinne des Empowerments.
Was können Sportler:innen präventiv tun?
Präventiv können sie z.B. mit einem Mental-Trainer oder -Coach arbeiten, würde ich sagen. Dann hat man einen Sparrings-Partner, mit dem man gemeinsam reflektieren kann. Alternativ ist es natürlich immer gut, wenn ich achtsam unterwegs bin und schaue, was mir guttut. Meine Standardfrage ist immer gerne: „Was brauche ich, um gut zu sein, bzw. mich gut zu fühlen?“ Denn wenn ich mich im wortwörtlichen Sinne „gut fühle“, dann kann ich auch performen.
Warum wolltest du Mentalcoach werden?
Ich habe eine sehr lange Erfahrung im Trainerbereich: Seit fast 20 Jahren mache ich Teamtrainings und Coachings, Indoor und Outdoor, angefangen von ganz jungen Menschen über Teams bis hin zu Führungskräften, inklusive Supervision, Mentoring und so weiter. Ich habe im Jahr 2016 Island mit dem Fahrrad umrundet und mich danach auf die Bühne gestellt und – im Sinne von Edutainment – sozusagen „Unterhaltung mit Mehrwert“ geliefert und Menschen inspiriert und motiviert. Aber nicht mit dieser Methode: „Tschakka, auch du kannst es schaffen!“, sondern wirklich konstruktiv und strukturiert und mit entsprechendem Background. Und dann sind nach den Vorträgen immer wieder Menschen zu mir gekommen und haben gefragt, ob ich nicht ein Coaching anbieten könne. Das habe ich dann damals nicht gemacht, weil ich gesagt habe, für so etwas möchte ich dann schon mehr Tools und eine Ausbildung haben, die mich noch einmal anders dafür qualifiziert. Und so bin ich dazu gekommen.
Wie sieht die Ausbildung aus?
Ich habe meine Ausbildung bei der Deutschen Mentraltrainer-Akademie gemacht, und die war sehr umfangreich, mit vielen spannenden Themen und auch mit einer anspruchsvollen Abschlussprüfung. Da werden am Ende verschiedene Bausteine abgeprüft, die man erlernt und auch ganz praktisch ausprobiert hat. Deswegen heißt es auch Mentaltraining: Es ist eben nicht nur so, dass man da sitzt und über mentale Performance spricht, sondern dass man tatsächlich auch Dinge praktisch tut. Das war mir sehr wichtig. Es gibt auch viele Online-Kurse, aber davon halte ich persönlich nichts, weil ich glaube, man muss das auch mit anderen Menschen oder mit einer Gruppe im Raum ausprobieren.
Wie finde ich einen guten Mentalcoach?
Im besten Fall natürlich auf Empfehlung. Es ist immer gut, wenn man sich umhört, wer schon mit wem gearbeitet hat. Ansonsten empfehle ich die Webseite der Deutschen Mentaltrainer-Akademie, auf der man eine Liste mit Trainer:innen findet. Ich selbst hatte schon immer meine eigene Webseite und habe einfach darüber Zulauf drüber bekommen. In der Regel ist es so: Wenn ich eine Sportart mache – ich selbst war viel im Ultracycling unterwegs –, und dann gute Arbeit als Coach leiste, dann spricht sich das herum.
